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28 Jahre Wiedervereinigung und Aufbau Ost: Was ist Ihre Bilanz?

28 Jahre Wiedervereinigung und Aufbau Ost: Was ist Ihre Bilanz?

Es gibt kein Ereignis in den bisher ungefähr 1 180 Jahren deutscher Geschichte, das sich an Friedlichkeit, durchschlagendem Erfolg und Wirkungsradius mit der friedlichen Revolution von 1989 vergleichen ließe – einem Gemeinschaftswerk der Ostdeutschen und der Menschen in unseren östlichen Nachbarländern, deren vorangegangener Blutzoll ungleich höher war. Eine demokratische Umgestaltung von Berlin bis Wladiwostok. Der Westen hatte an diesem Freiheitskampf weder Anteil, noch hat er bis heute begriffen, worum es überhaupt ging.

Die Einheit galt im Westen als Revanchistenfantasie. Egon Bahr hielt allein das Reden davon für „politische Umweltverschmutzung“. Jung-SS-Mann Grass nahm die deutsche Teilung als Strafe für Auschwitz gern in Kauf, weil die ja nur Ostdeutsche abzusitzen hatten. Bahr bekam den Preis der Deutschen Gesellschaft, Grass den Nobelpreis. Und Kohl einen medialen Endlos-Tritt in den Hintern: Er hatte die Welt überzeugt, dass ein vereintes Deutschland ungefährlicher sei als eine von außen erzwungene Zweistaatlichkeit, und damit die deutsche Linke zur Weißglut gebracht.

Die Finanzierung der Wiedervereinigung war keine Gnade des Westens. Darauf hatten wir Anspruch: Die Wessis und deren Vorfahren hatten nicht weniger Schuld am Krieg als die Ossis. Büßen mussten Letztere. 40 Jahre. Daher kocht die Wut im Osten, wenn die West-Gesellschaft sich heute Zuwanderern aus fernen Ländern erkennbar weit näher fühlt als den Ostdeutschen.

Die Einheit hinkt nicht allein beim Geld. Auch wenn bei Renten und Löhnen alles paletti wäre: Der Ansehensverlust des Westens im Osten wäre heute nicht geringer. Wir hörten die Nachtigall schon trapsen, als die Wessis die geschlechtergerechte Grammatik hinter sich her zerrten. Als gäbe es nichts Wichtigeres. Dann legte sich wie Mehltau eine nervenzehrende Bürokratie auf uns; und wir erkannten unseren wirklichen Wert: als Stellenlieferanten. In einem Ost-Landesministerium kommen heute vielleicht Minister und Pförtner aus dem Osten, die anderen aber meistens aus dem Westen. Gewiss: Alle leisten gute Arbeit. Aber das täten die Ossis auch gern. Wenn man sie ließe.